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Die verlorene Stadt: schweißtreibende Angelegenheiten & abschreckende Riten

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Ich setze einen Fuss vor den anderen und rutsche einen halben Schritt zurück. Schweiß tropft von meiner Stirn, ich fühle mich wie in Salzwasser geduscht. Es geht Bergauf, die Sonne strahlt unaufhörlich auf meinen Körper und die Luftfeuchtigkeit drückt von allen Seiten.

Pause? Nein, es wimmelt von Mücken um mich herum und jedes Stehenbleiben ist wie ein gefundenes Fressen. Meine Haut mit einem eleganten Mix aus Schweiss, Sonnencreme und Mückenspray scheint für die kolumbianischen Mosquitos keinerlei Abschreckung zu sein.

Also weiter! Ich würde gerne schneller atmen, um mehr Luft in die Lungen zu bekommen, doch es geht nicht. Anstrengung pur übermannt mich. "Und dafür zahlen wir auch noch 700.000 Pesos", sagt der Ire Eugen, der wenige Meter vor mir mein Leid teilt.

Verlorene Stadt: Brücke
Auf dem Weg zu unserer zweiten Unterkunft - der Fluss wartete



Die Verlorene Stadt als kolumbianische Version des Machu Picchu

Wir sind auf der vier-tägigen Wanderung zur verlorenen Stadt, der Ciudad Perdida, wie die Kolumbianer sagen. Mit einer 15-köpfigen internationalen Reisegruppe und drei Guides von Guia y Baquianos Tours sind wir auf dem anstrengenden Weg durch den Dschungel.

Für die Kolumbianer ist die verlorene Stadt ihre Version des Machu Picchu in Peru. Die Ciudad Perdida liegt versteckt in den Wäldern der Sierra Nevada nahe Santa Marta und wurde erst 1975 wieder entdeckt. Die Stadt, mit ihrem heiligen zentralen Platz, wurde größtenteils zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert von dem einheimischen Stamm Tairona errichtet. Der heute zugängliche Teil liegt auf zwischen 900 und 1.200 Metern.

So viel zur Theorie. Wie steckten mitten in der Praxis, diese Stadt in drei Tagen zu erklimmen und dann auf gleichem Wege wieder zurück zu kommen.

Verlorene Stadt - Anstrengung pur
Anstrengung pur - alle sind fix und fertig bei der allerersten Pause



Abwechslung auf dem Weg zur Ciudad Perdida

Schotterwege, Schlammpisten, grüne Felder, Flüsse, Regenwälder, weite Ausblicke, Sonne, Regen, Nebel und schweisstreibende Wanderungen haben uns zwei Tage lang der verlorenen Stadt näher gebracht. Während mir in den anstrengendsten Momenten nicht ganz klar war, warum genau ich das nochmal mache, so wurde ich mit den tollen Ausblicken wieder belohnt.

Verlorene Stadt: ein Fluu
Schöne Flüsse gab es super viele, immer gut für eine Abkühlung


Verlorene Stadt: Schöne Aussichten
Mit schönen Aussichten wurden wir immer wieder belohnt


Die Wanderung beginnt bereits am ersten Tag nach dem Mittag mit einem "entspannten" vierstündigen Anstieg durch die pralle Mittagssonne. Wer von uns jedoch gedacht hat, er könnte nicht mehr schwitzen, wurde schon am nächsten Tag eines besseren belehrt. So sind wir an diesem zweiten Tag Bergauf- und ab bis an den Fuss der verlorenen Stadt gewandert. Das klingt jetzt so unproblematisch. War es aber nicht! Es war Arbeit, Schweiss und Anstrengung!


Frühe Morgenstunden und kurze Abende

Dankbare Pausen haben wir dabei beim Baden und mit dem Springen in verschiedene Flüsse verbracht. Außerdem wurden wir von unseren Guides immer wieder mit frischem Obst und leckeren Mahlzeiten versorgt. Für eine weitere Ablenkung sorgten die Gespräche mit den anderen Reisenden, die alle durchweg spannend und mit inspirierenden Lebensgeschichten bespickt waren.

Die Abende hielten sich kurz und so sind uns mit Einbruch der Dunkelheit ab 18 Uhr bereits die Augen zugefallen. Mit Karten und dem englischen Spiel Bridge haben wir jeweils versucht, bis 20 Uhr wach zu bleiben. Das hat nur teilweise geklappt.

Mit den ersten Morgenstrahlen war jedoch um 5 Uhr am Morgen auch schon wieder aufstehen angesagt und spätestens 6 Uhr standen wir in unseren Wanderschuhen, bereit zum Aufbruch. Mit Sonnencreme und Mückenspray eingeschmiert ging es los und um 8 Uhr sind wir bereits zwei Stunden gewandert. Verrückte Zeiten!


Das Highlight und die Entlohnung für allen Schmerz - die verlorene Stadt

Tag drei sollte das Highlight der Wanderung darstellen. Vom Fusse der verlorenen Stadt ging es entlang und durch einen Fluss bis an die 1.200 Stufen der verlorenen Stadt. Nur wer noch genug Fitness aufweist und die Stufen bezwingen kann, kommt oben in den beeindruckenden Genuss der circa 200 Terrassen der verlorenen Stadt.

Verlorene Stadt: die letzten Treppen
Die allerletzten Treppen auf dem Weg zur verlorenen Stadt


Verlorene Stadt: endlich sind wir alle oben
Yessss - wir haben es geschafft


Verlorene Stadt: Ureinwohner
Der Schamane wohnt noch heute mit seiner Familie am Ort der verlorenen Stadt


Tools in der verlorenen Stadt
Noch heute liegen verschiedene Tools der Ureinwohner rum


Am Ziel mit Blick auf die verlorene Stadt
Pünktlich zum Sonnenaufgang erreichen wir die verlorene Stadt


Der letzte Aufstieg lohnt sich und so waren wir alle sehr stolz und glücklich, als wir am Ende alle samt oben angekommen sind.

Nachdem wir diese grandiosen Bilder in live aufgenommen und viele Informationen zu der Stätte bekommen haben, sind wir den zweitägigen Rückweg angetreten. Dieser geht auf den gleichen Pfaden wieder zurück und wenigstens wussten wir, was auf uns zukommen würde.


Einheimische Stämme

Noch heute leben viele Ureinwohner in den Wäldern rund um die verlorene Stadt. Bis zu 40 Stämme sind es, erklärt uns unser Guide Beto, der selbst an den Ausgrabungen nach 1975 beteiligt war.

Der Schamane eines Stammes lebt sogar mit seiner Familie noch in der verlorenen Stadt. Viele andere Ureinwohner haben wir auf der Wanderung ebenso getroffen. Wir fanden, dass diese Einwohner selten überdurchschnittlich glücklich ausgesehen haben und nach den Erklärungen von Beto und Sergio wussten wir auch warum.

Verlorene Stadt: Ort der Ureinwohner
Hier wohnen die ansässigen Stämme der Ureinwohner



Die Riten der einheimischen Stämme - wie in alten Zeiten

So hat sich unser Guide Sergio mit einem Vorbeiziehenden unterhalten, der eigentlich ein Städter war. Dieser hatte sich jedoch in eine Ureinwohnerin verguckt und wollte sie heiraten. Obwohl er den Segen der Tante seiner Freundin hatte, so sehen es die Riten des Stammes vor, dass der Interessent vor der Heirat alle sexuellen Handlungen lernt. Und zwar von den ältesten Frauen des Stammes. Schön!

Für die Frau ist das Leben als Ureinwohnerin ebenso kein Zuckerschlecken. Bereits mit auftreten der ersten Regel werden die Mädels verheiratet. Von da an sind sie Gebähr Maschinen und es ist nicht unüblich, dass die Frauen bis zu 15 Kinder kriegen. Außerdem müssen sie den Haushalt schmeissen, auf dem Feld helfen und im Durchschnitt werden die Frauen circa 45 Jahre alt. Wahnsinn!


Für Übernachtungen und leckeres Essen ist gesorgt

Die Übernachtungen erfolgen in sehr einfachen Unterkünften, teils in Hängematten, teils in Holzbetten an der frischen Luft. Die Toiletten und Duschen sind sehr einfach, aber ausreichend. Da das Wasser in Kolumbien sowieso überall kalt ist, war das kalte Wasser in den Übernachtungsstätten keine Überraschung.

Zum Trinken wurden wir mit durch Tabletten gereinigtem Wasser versorgt. Wir waren zuerst etwas skeptisch, doch haben das unsere verwöhnten Mägen tatsächlich gut vertragen.

Zu Essen gab es viel Obst, zum Frühstück Rühreier, die für Kolumbien typischen Arepas und am Abend mal Fisch, mal Pasta, mal Fleisch. Es war durchweg sehr lecker!

Nachtlager auf dem Weg nach oben
Nachtlager auf dem Weg nach oben


Verlorene Stadt: Toiletten
Einfache Toiletten



Sicherheit rundum die verlorene Stadt

Mit der Eröffnung der Wanderung zur verlorenen Stadt sind viele Gruppen aufgebrochen. Nachdem Tour-Unternehmen wohl damals Abkommen mit den Guerilla-Kämpfern der FARC hatten, sind diese Wanderungen immer gut verlaufen. 2003 hat jedoch die zweite in Kolumbien ansässige Guerilla Gruppe ELN eine Reisegruppe entführt.

Nach Verhandlungen wurden alle Reisegruppen-Teilnehmer später freigelassen.

Bis heute gibt es eine Sicherheitswarnung auf den Seiten des auswärtigen Amts, für die Wanderung zur verlorenen Stadt.

Wir haben uns jedoch zu keinem Augenblick unsicher gefühlt. Die Menschen in den Unterkünften sind sehr nett und auf der Wanderung patrouilliert immer wieder das Militär. Es wird davon abgeraten, die Wanderung ohne einheimische Reiseleitung durchzuführen. Aus organisatorischen Gründen kann ich das verstehen - so geht ein Teil der 700.000 Pesos Reisepreis (derzeit circa 210 Euro) an die Ureinwohner. Gleichzeitig ist der Weg aber sehr gut nachvollziehbar und es lässt sich schwer verlaufen.


Checkliste, was auf der Wanderung nicht fehlen darf

Für jedes Kilo, dass du auf der Wanderung nicht dabei hast, wirst du dir später Schritt für Schritt danken. Wir sind alle nur mit einem Tagesrucksack und mit minimalistischem Gepäck gereist. Was trotzdem nicht fehlen darf:

  • Regenjacke
  • Schnelltrockene, lange Hose
  • Kurze Hose
  • Wanderschuhe (sind gerade wenn es regnet unbedingt empfehlenswert)
  • Pullover
  • Sonnencreme
  • Mückenschutz
  • Mütze
  • Biologisch abbaubares Duschbad
  • Stirnlampe
  • Schwimmsachen
  • Schnelltrockenes Handtuch
  • Kamera
  • 2 Tüten, um nasse und trockene Sachen voneinander zu trennen
  • Kartenspiel für die Abende
  • Ein paar Pesos, um sich am Berg am Abend auch mal ein Bier oder eine Cola zu gönnen (jeweils 5.000 Pesos).

Schlussplädoyer für die verlorene Stadt

Wir haben vor der Wanderung zur verlorenen Stadt einiges gelesen zu Bettwanzen, Skorpionen, der Anstrengung und zu Magenproblemen. Am Ende hat sich für uns allein die Anstrengung bewahrheitet und ich kann diese Tour insbesondere mit unserem Anbieter Guía y Baquianos uneingeschränkt empfehlen.

Es ist tatsächlich sehr anstrengend und eine Grundfitness ist unerlässlich. Alle unsere 15 Mit-Wanderer haben die knapp 24 Kilometer zur Stadt so wie den Rückweg mit vielen schweisstreibenden Schritten aber gut und unbeschadet überstanden.

Daher: wenn du in der Gegend bist, dann raus aus der Komfortzone und ab durch die Tropen zur verlorenen Stadt.

Waldemar und ich sitzen vor der verlorenen Stadt
Wir sind angekommen und haben einen tollen Blick auf die verlorene Stadt


Christin Wanderlust
Christin Wanderlust
Frau Wanderlust zeigt dir Wege auf, wie du das Reisen und das Arbeiten in der Heimat verbinden kannst. Eine Weltreise muss dabei nicht immer heissen, dass du deinen Job kündigen und alles aufgeben musst. Also schau doch mal vorbei!

9 Kommentare

  1. Kuno sagt:

    Sehr interessant, sowohl die Fakten über die Stadt, als auch die Riten. Von der ältesten Frau wird der Mann angelernt? Uhhh… 😀 Die Fotos sind wunderschön! Ich habe mir deinen Artikel abgespeichert für nächstes Jahr 😉

    • Hey, hey Kuno, vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Krass, ne?! Ich habe auch ungefährt zehnmal nachgefragt, um sicher zu gehen, dass ich das wirklich richtig verstanden habe.
      Geht es nächstes Jahr für dich nach Kolumbien? Du wirst dieses Land lieben!

  2. Marie sagt:

    Hallo Christin,

    da es für uns bald auch endlich nach Kolumbien geht, freue ich mich natürlich über deine ganzen Reiseberichte mit den tollen Bildern! Ein anderer Reisender hatte uns in Honduras bilder von der Ciudad Perdida gezeigt und seitdem will ich da unbedingt hin! Er hatte auch ein ziemlich beeindruckendes Bild von einem vierzehnjährigen Jungen, der aussah als wäre er eine vierzigjährige Frau. Vielleicht liegt das ja an den wenig verlockend klingenden Riten?! 😛

    Da ich nicht so die mega Sportskanone bin hoffe ich mal, dass auch ich die Wanderung bewältigen kann und nicht statt in der verlorenen Stadt anzukommen im Dschungel verloren gehe 😀

    Viel Spaß weiterhin in Kolumbien und liebe Grüße aus Panama!
    Marie

    • Heike Koch sagt:

      Hallo ihr Beiden – ein sehr schöner Beitrag ist das geworden ( gut, dass ich nicht wusste , dass das Auswärtige Amt gewarnt hat !). Das Bild vor der verbotenen Stadt ähnelt 100prozentig dem vom machu pichu – nur damals war Christin allein unterwegs – heute seid ihr ja – beruhigender weise – zu zweit !!! Weiterhin viele schöne Erlebnisse !!! LG aus Barleben

      • Liebe Grüße nach Barleben aus Medellín! Vielen Dank für Eure netten Worte. Vielleicht ist mein nächster Beitrag mal: erträgliches Reisen für Eltern. Was man ihnen besser erst im Nachhinein sagt und was man besser verschweigt 🙂

    • Hallöchen Marie,

      ach mensch ja, ihr habt auch mal eine geile Route. Ihr werden Kolumbien so lieben – hoffentlich bringt ihr etwas Zeit mit. Die Ciudad Perdida ist echt schön. Dann könnt ihr euch auch mal ein persönliches Bild von den Einheimischen und ihren Riten machen 🙂

      Ich glaube, verlorenen gegangen ist die letzten Jahre keiner 🙂 Wir haben gestern von einem gehört, der sich wohl bei einer Flussüberquerung die Zähne aufgeschlagen hat, als er ausgerutscht ist. Aber ankommen wirst du bestimmt 😛 Es wird halt anstrengend. Dann freue ich mich auf jeden Fall auch schon auf Eure Bilder bald.

      Liebe Grüße zurück nach Panama,

      Christin

  3. […] haben uns die lohnende Anstrengung der Ciudad Perdida natürlich nicht entgehen lassen, bevor wir nach Palomino aufgebrochen […]

  4. Imke sagt:

    Hallo Christin,

    ein toller Bericht! Ich war ja leider nicht in der Ciudad Perdida, aber eine Freundin von mir – und die meinte, sie hat ihr T-Shirt von der Wanderung weggeschmissen, weil sie so doll geschwitzt hat. Ich glaube, da ward ihr also in bester Gesellschaft 😉

    Viele Grüße
    Imke

    • Hallo Imke,

      vielen lieben Dank für deine Worte. Ha! Da hat deine Freundin wohl tatsächlich die gleiche Erfahrung gemacht 🙂 …wobei ich immerhin alle Shirts wieder mitgebracht habe – hat aber gut gerochen :-)))

      Viele Grüße zurück,

      Christin

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